Heute habe ich etwas erlebt, was ich noch nie so gefühlt habe.
Ich fuhr zur Uni, weil ich um 12 eine Vorlesung hatte - dachte ich. Ich bin relativ früh dagewesen und habe im Audimax gelesen. Aber irgendwie kamen nur sehr wenige Leute, obwohl mehr als 100 zu erwarten waren. Nachher wurde klar, dass der Kurs erst nächste Woche beginnt. In letzter Zeit hatte ich nicht so Lust auf Menschenmengen, aber dann im leeren Audimax bis zur nächsten Sitzung zu bleiben, wollte ich auch nicht. Im Bistro habe ich mir dann einen Cappuchino geholt und weitergelesen, weil das nächste Seminar erst um 14 beginnen sollte. Ich mag das anonyme und doch belebte Treiben im Bistro. Mir wurde nur wieder schmerzhaft klar, dass ich niemanden kenne. Pausenlos haben sich Leute freudig umarmt oder haben sich begrüßt - an der Uni kenn ich maximal vier Leute wirklich so gut, als dass ich mich spontan zu denen an den Tisch setzen würde.
Um 13:04 kam die erste Nachricht von Daisy bei WhatsApp: "Bist du an der Uni?"
Ich mag Daisy sehr und sie ist fast meine beste Freundin, aber ich hatte gerade keine Lust, zu erklären wieso ich so leblos bin, ich hatte keine Lust auf fadenscheinige Erklärungen. Mir gings immer schlechter. Ich hatte auch Angst vor dem Seminar: es sollten Dozenten da sein, wo ich die Hausarbeit noch nicht fertig gemacht habe. Generell hatte ich keine Lust in dem wirklich sehr kleinen Seminar zu sein, es hat mir Angst gemacht. 13:30 rief Daisy das erste Mal an, dann kam eine SMS und 13:52 der zweite Anruf.
Mir. ging. es. so. schlecht. wie. nie.
Ich hatte Angst, aber nicht eine Panik, sondern eine absolute Ablehnung dagegen, so zu tun, als wäre ich happy wie immer, mich meinen Problemen zu stellen oder Menschen zu begegnen. Ich bekam sogar Tränen in den Augen. Ich bin ziemlich rastlos in der Uni rumgelaufen. Soll ich zum Seminar oder nicht? Innerlich habe ich mich dann für "nicht" entschieden. Das Seminar ist so ein Blockding, das wäre von 14-18 gelaufen. Das hätte ich nicht durchgestanden.
Aber ich bin eigentlich eine "Musterstudentin". Das mag seltsam klingen, wenn ich immer davon erzähle, dass ich meine Hausarbeiten schleifen lasse. Normalerweise bin ich immer in jeder Sitzung, mache meine Aufgaben alle, sitze sogar immer sehr weit vorn (ich hasse es hinten zu sitzen), beteilige mich und alles. Ich will nicht angeben, aber ich bleibe Dozenten eigentlich sehr positiv im Gedächtnis.
Ich lächle auch einfach sehr viel und bin höflich und freundlich. Das trägt auch dazu bei, auch wenn ich vielleicht nicht so argumentieren kann wie Hegel, Nietzsche oder Kant und dadurch glänze. Und dann saß ich vor der Bib auf der Treppe und mir ging es miserabel. So etwas absolut Banales, aber ich hatte solche Angst vor Menschen und habe Daisy so böse ignoriert. Aber ich meinte es ja nicht böse; nur keine Energie für Lügen.
Ich wollte mich dann einfach eine Weile in der Cafeteria hinsetzen und weiterlesen, bin dann aber plötzlich Karla (not her real name), der hyperfröhlichen Kommilitionin begegnet, die zu den vier Leuten zählt, die ich näher kenne.
"Hey wie geht's dir? Gehst du auch gleich zum Seminar?"
"Gut...Und dir? Ich wollte mir in der Cafeteria was zu trinken holen."
Wir haben kurz geredet, aber ich habe es verwünscht, ihr begegnet zu sein. Wieso hat sie mich gerade gesehen? Um fröhlich zu bekunden, dass es mir gut geht, habe ich entsetzlich (und untypisch für mich) viel Energie investieren müssen. Ich ging kurz dann in die Cafeteria, nur um sie einmal zu umrunden und rauszugehen. Ich wollte immer noch nicht zum Kurs; jetzt noch weniger, da es mir noch schlechter ging.
Kaum aus dem Gebäude raus, lief ich direkt Daisy in die Arme!
"Was war, ich habe sogar bei dir Zuhause angerufen?"
"Mein Handy spinnt, es geht ständig an und aus."
Gerade vor Daisy, die mich gut kennt, hatte ich nicht die Kraft so hyperlebendig und gesprächig wie sonst zu sein. Sie erzählte mir, dass sie vorher in der Sprechstunde beim Herr S. war (auch einer wo ich eine HA abgeben muss) und der meinte, dass dieses Seminar eigentlich nicht für uns gedacht ist. Puhhhh. Wir haben dann beschlossen, ein paar Scheine abzuholen und dann den Berg runterzulaufen und nach Hause zu fahren.
Also hat sich prinzipiell eigentlich für mich alles in Wohlgefallen aufgelöst, könnte man sagen.
"Du bist so still, alles in Ordnung?"
"Ja bin nur müde."
Lahme Ausreden und ich hasse mich, dass ich mich nicht unter Kontrolle hatte. Ich will nicht anderen Sorgen bereiten. Meistens schaffe ich es sehr gut. Aber heute war, wie man so schön sagt, nicht mein Tag. Im Zug war ich so dankbar für mein Buch, weil ich nicht gezwungen war, Konversation zu betreiben. Ich bin schrecklich. Banale Probleme und dann noch anderen Sorge bereiten.
Gestern habe ich auch nichts gemacht. Wie tot. Ahh doch. Ich hab mich mal wieder ein bisschen "verschönert" und rote Linien gezeichnet. Das kommt davon, wenn man so faul und furchtbar ist. Ich verdiene eigentlich nichts, von dem was ich habe. Ich habe keinen Grund mich zu beschweren: Ich habe alles und noch mehr. Ich bin einfach ein undankbares Stück Dreck.
Meine Laune wird auch durch mein stagnierendes Gewicht gedrückt, seit Tagen springt es um die 57 herum. Ich kann es nicht mehr sehen, dabei gebe ich mir so viel Mühe. Aber nie genug, wahrscheinlich. Morgen muss ich zu meinem Nebenjob und am liebsten würde ich mich in meinem Bett einkringeln bei dem Gedanken, bei der Arbeit und bei meinen Arbeitskollegen zu sein.
Sie sind alle wunderbar und nett, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass sie hinter meinem Rücken schlecht über mich reden, dass ich ja eigentlich keine richtige Arbeit leiste, dass ich unprofessionell, eine Lachfigur bin. Aber das bin ich wahrscheinlich einfach alles, auch ohne dass sie es sagen.
Jetzt habe ich endlos über meine lachhaften Probleme geredet, während es da draußen Leute gibt, die es wirklich schwer haben. Wirklich schwer. Ich fühle mich schrecklich. Feigling.
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